Wenn Jiu-Jitsu zum Alltag gehört...

...kann man sich nur schwer Vorstellen, wie es sich anfühlt zum ersten mal auf der Matte zu sein. Dieser amüsante Artikel von Sebastian Kapp in der Augsburger Allgemeine gibt einen kleinen Einblick.

Mit Hüftschwung zum Befreiungsschlag

Den Löwen ins Haifischbecken zu werfen – darum geht es beim brasilianischen Jiu Jitsu. Denn über Sieg oder Niederlage entscheidet weniger die Kraft.

Als Kind wollte ich immer Pilot werden. Das Gefühl zu fliegen hatte früher etwas Magisches an sich. Daran muss ich mich plötzlich erinnern, als Michael Matzner zu seinem Wurf ansetzt. Manche Menschen sollen ja viel Geld dafür bezahlen, sich einmal schwerelos zu fühlen. Für den Bruchteil einer Sekunde kann ich das preiswert. Dann stößt die Matte mit mir zusammen. Was im Judo zu einer Wertung geführt hätte und fast schon den Sieg bedeutet hätte, ist beim brasilianischen Jiu Jitsu aber erst der Anfang: Es geht in den Bodenkampf.

Brasilianisches Jiu Jitsu, kurz BJJ, ist eine junge Kampfsportart, die in Rio de Janeiro in den 1970er Jahren entwickelt wurde, weil den Erfindern das klassische Judo nicht kämpferisch genug war. Das klingt vielversprechend für eine Sportart, wo Mann noch richtig Mann sein kann. Kurz zu mir: Wegen meiner Kurzsichtigkeit und leichten Asthmas bin ich statt Pilot dann doch Journalist geworden, war gefürchteter F-Jugend-Bankdrücker des „Traditionsvereins“ TuS Homberg, habe es immerhin einmal zu einem Probetraining im Judo (vierte Klasse) und diversen Sportversuchen wie Tennis, Tischtennis und Badminton gebrach, Kampfgewicht 80 Kilogramm. Kurzum: Für 27 bin ich wenig fit, wenn man Schach nicht als Sport bezeichnet.

„Das hier ist wie Schach“, erklärt mir Michael Matzner, dessen lila Gurt durch den Schatten seines Kampfanzugs „Gi“ schwarz wirkt. „Es geht um Zug und Gegenzug, bis man seine Position verbessert hat“, sagt Michael Schey, ebenfalls ein Lila-Gurt, der zusammen mit Michael Matzner die Roll’n’Flow Martial Arts Academy in Meitingen leitet.

Nachdem sie mir mit ihren Würfen zunächst gezeigt haben, warum ihr Gurt lila und meiner weiß ist, gibt es Basis-Unterricht: Wie falle ich richtig? Und wie stehe ich wieder auf?

Der Teil mit dem Fallen funktioniert schon vielversprechend, das Aufstehen allerdings ist nicht so einfach. „Du musst Deinen Körper auf einer Hand und einem Fuß balancieren, dann die Hüfte hoch und den freien Fuß nach hinten“, sagt mein Trainer. Aha. Irgendwas mit der Hüfte. Der Geist ist willig, die Hüfte schwach. Besonders fit brauche man nicht zu sein, beschwören die BJJ-Kämpfer. Ich habe da so meine Zweifel. Meine Hüfte beschwert sich, dass sie urplötzlich Sport machen soll. Trotzdem: ich stehe.

 

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Mit Hüftschwung zum Befreiungsschlag - weiter lesen auf Augsburger-Allgemeine: http://www.augsburger-allgemeine.de/augsburg-land/Mit-Hueftschwung-zum-Befreiungsschlag-id33284287.html

Fotos: Florian Rußler


Drei Distanzen, sagt Michael Schey, gibt es. Fernkampf, Halbdistanz und Nahkampf. Ziel im BJJ sei es, die Distanz so zu verkürzen, dass Schläger, Treter und Co. keine Chance mehr haben, wirkungsvolle Treffer zu landen. „Im Nahkampf herrschen ganz andere Regeln. Da gewinnt nicht Stärke, sondern Technik. Es ist, als würde man einen Löwen ins Haifischbecken werfen – der Löwe hat keine Chance.“ Als Beispiel führt er den brasilianischen Kämpfer Royce Gracie an, Spross der Erfinderfamilie des BJJ. Gracie gewann in den 1990ern drei Turniere gegen Vertreter aller möglicher Kampfsportarten. Vom Boxer über den Kung Fu Kämpfer bis zum Sumoringer. Gracies Triumphe sorgten in der Szene für großes Aufsehen, war er doch alles andere als ein bulliger Typ.

Vielleicht besteht ja auch für mich noch Hoffnung. Kaum dass ich stehen kann, geht es auf dem Boden weiter. Also lerne ich, die Hüfte meines Gegners Michael Schey zu fixieren. „Einfach Dein Gewicht auf ihn drücken“, sagt Michael Matzner. Dann kann er sich kaum noch bewegen. Das ist einfach. Gewicht hab ich genug.

Ich rieche Schweiß. Ist es Angstschweiß? Wohl nicht von ihm. Ein paar Griffe, schon dreht mich Schey, 70 Kilogramm, auf den Rücken, hockt über mir, Hüfte auf Hüfte. Das nennt sich „Mountposition“ und ist alles andere als kuschelig. Das darf ich dann wiederholen. Endlich geht es zur „Americana Armlock“. Einer Technik, mit der ein Kampf mittels angedeutetem Armbruch beendet werden kann. Es gilt: wer klopft gibt auf und dann wird auch losgelassen.

Mittlerweile pumpe ich ganz schön, auch weil meine Trainer es mir durch wildes Zucken nicht leicht machen, die Oberhand zu behalten – ein bisschen wie beim Rodeo. Dann kommt die letzte Übung: Sparingskampf. Darauf sind die beiden Michis besonders stolz: „Wir kämpfen immer zum Abschluss gegeneinander.“ Denn BJJ ist schließlich ein Kampfsport. Also kämpfe ich wieder gegen Michael Matzner. Liege sofort unten. Denke nach. Die Hand hierhin, und die Hand hier ... zu langsam. Schon hat sich Matzner meinen Arm geschnappt, ich weiß was kommt und klopfe.

Ich hatte zwar keine Chance, aber viel Spaß. Es stimmt schon, man muss für das brasilianische Jiu Jitsu weder top durchtrainiert sein, noch besonders viel Kampfgewicht mitbringen – die Technik ist entscheidend. Aber eine gewisse Grundfitness sollte man schon mitbringen, gerade auch geistig. Sonst verliert man bei den vielen Handlungsfolgen schnell den Überblick. Ein bisschen also wie Schach – nur aus der Hüfte.


Danke für den tollen Artikel Sebastian!


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